"Jugend-wacht" geht online

Hintergründe verschleiert

Seit August wirbt ein "Deutscher Jugend Verlag" auf einschlägigen rechtsextremistischen Internetseiten für sich und seine Produkte. Der Verlag stellt sich als ein "Projekt junger Nationalisten aus Berlin-Brandenburg" vor. Eingeleitet werden diese Ankündigungen mit einem unzweideutigen "Heil euch!"

Angepriesen wird insbesondere die Zeitschrift "Jugend-wacht", eine Publikation der "Jungen Nationaldemokraten" (JN) Berlin-Brandenburgs. Daneben rühmt sich der hauseigene Buchdienst in aller Unbescheidenheit, "alle auf dem Markt erhältlichen Bücher" liefern und sogar "fast alle antiquarische Bücher auf Anfrage" beschaffen zu können.

Seit neuestem ist die "Deutsche Jugend" - in deren Diensten der "Deutsche Jugend Verlag" steht - auch mit der Seite www.jugend-wacht.de im Internet vertreten.

Wer ist wer?

Jugend wacht Auf dieser Website wird das oben genannte Bücherangebot wiederholt, zudem kann man ausgesuchte Artikel aus älteren Nummern der "Jugend-wacht" aufrufen.
Zur allgemeinen Einstimmung auf die Ideologie ihrer Betreiber bietet die Seite Einblicke in die Bereiche "Weltanschauung" und "Wissenschaft" sowie Kommentare zur "Weltpolitik" und zu Ereignissen im "Ausland".

Die "Jungen Nationaldemokraten" allerdings werden mit keiner Silbe erwähnt. Warum nur?

Ein Irrtum ist ausgeschlossen: Die "Jugend-wacht" ist eine Zeitschrift, die von Berliner und Brandenburger "Jungen Nationaldemokraten" verfasst und vertrieben wird. Der JN-Landesverband gibt, jedenfalls auf seiner lange nicht mehr aktualisierten Website, als Kontaktadresse das gleiche Berliner Postfach an wie die Zeitschrift "Jugend-wacht" - und wie der "Deutsche Jugend Verlag", der die "Jugend-wacht"-Website offiziell betreibt. Also dürfte die "Deutsche Jugend" mit den "Jungen Nationaldemokraten" verquickt sein. Sind beide Gruppierungen etwa, mindestens teilweise, miteinander identisch?

Ein Propagandatrick?

Eine Antwort auf diese Frage findet der Leser der Website www.jugend-wacht.de nicht. Denn von den JN oder der NPD ist auf der Seite mit keiner Silbe die Rede - so als habe der "Deutsche Jugend Verlag" rein gar nichts mit diesen Organisationen gemein.

Für den merkwürdigen Sachverhalt, dass zwar JN und "Deutsche Jugend" über die gleiche Postadresse zu erreichen sind, sich aber gegenseitig nicht zu kennen scheinen, kann es mehrere Erklärungen geben.

Soll über die Website scheinbar unverfänglich ein Publikum angesprochen werden, das parteiliche Bindungen scheut, aber für einige rechtsextremistische Argumente empfänglich ist? Dann wäre die Verheimlichung des Organisationshintergrundes nur ein Werbemanöver.
Ein solches Vorgehen wäre nicht neu.

Im Sommer dieses Jahres beispielsweise tauchten Flugschriften auf, mit denen "die Deutschen" aufgefordert wurden, sich gegen den EU-Beitritt der Türkei zu wehren. Als Illustration für die polemischen Argumentationen diente die Darstellung mehrerer Frauen mit Kopftüchern, die große Plastiktüten tragen. Damit sollte offenkundig der Eindruck erweckt werden, Türkinnen und Türken rafften in Deutschland zusammen, was sie nur kriegen können.

Verantwortlich für dieses Flugblatt zeichnete allein die "Deutsche Stimme". Doch nicht jeder weiß, dass es sich dabei um die Parteizeitung der NPD handelt. Eindeutige Bezüge zur Partei wurden im Flugblatt jedoch bewusst vermieden. Ganz offensichtlich sollten Stimmungen geschürt werden, ohne die Adressaten der Zettel mit einem Hinweis auf eine politische Organisation zu verschrecken.

Möglicherweise hat ja die JN von der Mutterpartei gelernt und geht nun mit der "Deutschen Jugend" ähnliche Wege.

Oder steht eine Abspaltung bevor?

Vielleicht erleben wir aber auch gerade eine schleichende Abspaltung der "Deutschen Jugend" von den "Jungen Nationaldemokraten". Eine solche Entwicklung könnte erklären, dass schon jetzt jeder Bezug zu bestehenden Organisationsstrukturen peinlich vermieden wird. Möglicherweise sind die Berlin-Brandenburger "Jungen Nationaldemokraten" schon auf dem Wege, eine eigene, vom restlichen JN-Verband autarke Bewegung mit dem Namen "Deutsche Jugend" zu gründen.

Wenn dem so ist, bekäme man eine Erklärung dafür, dass die Verknüpfungen zwischen "Jugend-wacht", "Deutscher Jugend", "Deutschem Jugend Verlag" und "Jungen Nationaldemokraten" im Dunkeln gelassen werden. Denn die stillschweigende Distanzierung von den JN ließe sich als Schritt hin zur Trennung von ihr verstehen.

Ob die "Deutsche Jugend" und ihre Website www.jugend-wacht.de ein neues Kurzkapitel in der unendlichen Geschichte von Fraktionierungen, Spaltungen und Neugründungen innerhalb der rechtsextremistischen Szene schreiben werden, bleibt also abzuwarten