Wieder Wunsiedel

2.600 Neonazis marschierten

Das Grab von Rudolf Heß im bayerischen Wunsiedel ist zur Wallfahrtsstätte von Neonazis geworden.
2.600 Rechtsextremisten versammelten sich diesjährig zu einem Trauermarsch, um den Hitler-Stellvertreter zu ehren.

Der Aufmarsch musste hingenommen werden, weil das Versammlungsverbot, das vom zuständigen Landratsamt erlassen und noch vom Bayerischen Verwaltungsgerichthof bestätigt worden war, vom Bundesverfassungsgericht aufgehoben wurde. In einer Eilentscheidung gab es der Beschwerde des Anmelders Jürgen Rieger statt.

Das höchste deutsche Gericht stellte damit das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit über die Befürchtung der Behörden, die öffentliche Ordnung in Wunsiedel könnte gefährdet werden.

So viele wie noch nie

In der Kleinstadt im Fichtelgebirge trafen sich Verehrer des Führer-Stellvertreters aus ganz Deutschland und dem europäischen Ausland. So viele waren es bei früheren Aufmärschen in Wunsiedel noch nie gewesen. Damit konnten die Neonazis ihren Erfolg aus dem Vorjahr noch einmal überbieten. Mobilisiert wurde vor allem über das Internet. Aber auch mit zahllosen Klebezetteln und Plakaten war auf die Veranstaltung hingewiesen worden.

Viele Demonstrationsteilnehmer reisten mit Bussen an, so auch die meisten der über hundert Neonazis, Skinheads und NPD-Anhänger, die aus Brandenburg kamen. Spruchbänder vor Ort verrieten, dass u. a. der "Märkische Heimatschutz", die "Lausitzer Front Guben" und der "Kampfbund Deutscher Sozialisten" vertreten waren.

Die linksextremistische "Antifa" verzichtete in diesem Jahr auf ein Kräftemessen im großen Maßstab. Doch eine Bürgerinitiative, die den Rechtsextremisten ihren Ort nicht widerspruchslos überlassen wollte, zeigte Flagge. Unter den ungefähr 400 Gegendemonstranten befanden sich etwa 30 Punks.

Dank des massiven Polizeieinsatzes konnten gewaltsame Zusammenstöße vermieden werden. 67 Neonazis und drei Gegendemonstranten wurden in Gewahrsam genommen. Sie führten zumeist gefährliche Gegenstände und Kennzeichen verbotener Organisationen mit.

Rudolf-Heß-Aktionswochen in Brandenburg

Umrahmt wird der Aufmarsch in Wunsiedel von zwei "Rudolf-Heß-Aktionswochen", die am 9. August begonnen haben und deren optische Signale gerade in Brandenburg unübersehbar sind.

Schon in der ersten Woche wurden in zahlreichen Orten Propagandaaktionen gestartet: Mit Plakaten, Aufklebern und über Autobahnbrücken aufgespannten Bettlaken wurde an den "Märtyrer" Rudolf Heß erinnert - an seinen so genannten "Friedensflug" nach England, an sein Bekenntnis vor dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal, an seine 46 Jahre währende Haft im Spandauer Kriegsverbrechergefängnis und an seine angebliche Ermordung vor sechzehn Jahren.

Den Auftakt am 9. August bildete eine Demonstration in Wittstock unter dem Motto "Rudolf Heß damals wie heute, kapitalistische Kriegstreiber stoppen". Zu ihr hatte ein "Bund Nationaler Sozialisten Brandenburgs" aufgerufen, eine Organisation, die offenbar der Fantasie des Landesvorsitzenden der NPD, Mario Schulz, entsprungen ist. Seit etwa drei Jahren hat er zahlreiche Demonstrationen im Namen fiktiver Organisationen angemeldet. Dahinter steckte immer die NPD. Doch demonstrierten immer auch unorganisierte Skinheads und neonazistische Kameradschaftsangehörige mit. Dieses Mal hatten sich 175 Rechtsextremisten eingefunden - erheblich mehr als bei den sonstigen Schulz-Demonstrationen in Wittstock.
 
Die Demonstration konnte ohne Auflagen stattfinden; denn von Verwaltungsgerichtsinstanzen war eine gegenteilige Anordnung des Polizeipräsidenten Potsdam - die einen Verzicht auf Heß-Symbole verlangt hatte - aufgehoben worden.

Schon 2001 gab es aus gleichem Anlass eine Demonstration in Wittstock.

Heldenverehrung blüht

Die ungebrochene Popularität von Heß in der Szene auch sechzehn Jahre nach seinem Tod zeigt: Rechtsextremisten wollen immer noch sein wie ihr Idol, wenn schon keine Sieger, so doch wenigstens aufrechte Märtyrer. Darum ihr Hang zu einem mythisch überhöhten Totenkult.

Ob eine zentrale Kultstätte in Wunsiedel den neonazistischen Bedarf an Grabessymbolik stillen wird, kann bezweifelt werden. Schon haben sie zum so genannten "Heldengedenken" im November für das brandenburgische Halbe eine Versammlung angemeldet. Gewiss werden sie die Totenruhe und die Trauernden am Volkstrauertag nicht stören können. Das werden, wie in den vergangenen Jahren, notfalls Verbotsverfügungen verhindern. Bisher hatten diese Verbote von "Heldengedenkfeiern" am Volkstrauertag auf dem Waldfriedhof Halbe vor Gericht stets Bestand. Aber schon spekulieren die Organisatoren auf Ausweichtermine ...