Islamist auf Bewährung

Metin Kaplan, so genannter "Kalif von Köln" und ehemaliger Vorsitzender des verbotenen "Kalifatsstaats", stellt sich nach der spektakulären Entscheidung des Düsseldorfer Oberlandesgerichts gegen seine Auslieferung an die Türkei als Geläuterter dar. Heute erschien er mit Frau und Kind auf der Polizeiwache in Köln-Chorweiler. Seine Freilassung ist nämlich mit einigen Auflagen verbunden, so darf er die Stadt nicht verlassen und muss sich einmal wöchentlich bei der örtlichen Polizeibehörde melden.

Das Gericht erklärte die Auslieferung Kaplans für unzulässig, weil Hinweise dafür sprächen, dass die belastenden Aussagen gegen Kaplan von den türkischen Behörden durch Anwendung von Folter erzwungen wurden. Auf diese Aussagen stützt Ankara seinen Vorwurf, Kaplan habe zum Jihad gegen die türkische Republik aufgerufen.

Im November 2000 war der umstrittene Islamist wegen Aufrufs zur Tötung zu einer vierjährigen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Er hatte im Juli 1996 eine sog. Todesfetwa, das ist ein islamisches Rechtsgutachten, gegen seinen Rivalen Ibrahim Sofu ausgesprochen. Sofu wurde in der Folge tatsächlich im Mai 1997 in seiner Berliner Wohnung ermordet. Die Tat ist bis heute nicht aufgeklärt.

Inzwischen gibt sich Kaplan als Mann des Friedens. Er sei in der Vergangenheit oftmals falsch interpretiert worden. So jedenfalls erklärte er sich in einem Interview mit dem ARD-Magazin "Report". In Zukunft wolle er sich ganz seinem Beruf als islamischer Gelehrter widmen und das Verbot des "Kalifatsstaats" respektieren.

Erlösung durch das Kalifat

Für Kaplan und seine Anhänger liegt die Ursache allen Elends der Muslime in ihrer fehlenden Einheit. 1924 wurde das osmanische Kalifat im Zuge der türkischen Revolution von Kemal Atatürk abgeschafft. Der Gründer der modernen Türkei zielte mit diesem radikalen Schritt auf die Trennung des Staates von der Religion. Der Kalif, das heißt Nachfolger Mohammeds, dagegen ist sowohl geistliches als auch weltliches Oberhaupt. Der Idee nach vereinigt er alle Muslime der Welt, so dass Gemeinde (umma) und Staat zusammenfallen. Daher erklärt sich auch, warum die Wiederherstellung des Kalifats weit über das Politische hinausgehende religiöse Hoffnungen nährt. Denn nur der rechtgeleitete Kalif ist Garant einer gottgewollten Ordnung, die von nichts anderem als dem Koran, den Hadithen und dem islamischen Recht, der Scharia, bestimmt ist. Demgegenüber kranken fast alle Regime der islamischen Welt an Korruption und Ungerechtigkeit und entsprechen daher ganz und gar nicht dem Ideal eines islamischen Staates. Außerdem wäre einzig ein Zusammenschluss aller Muslime, der immerhin nahezu ein Drittel der Menschheit vereinigen würde, mit einem würdigen Nachfolger des Propheten an der Spitze in der Lage, dem Hegemonialstreben der westlichen Welt Einhalt zu gebieten.

Die Kalifatsidee ist eine Variante des Islamismus. Andererseits stand Kaplans Gemeinde mit diesen Ideen nicht allein da. Die zweite islamistische Gruppierung, die in Deutschland aktiv für die Wiedereinsetzung des Kalifates eintrat, war die "Hizb ut-Tahrir" (Partei der Befreiung).

Islamismus als rückwärts gewandte Utopie

Ein antiimperialistischer, revolutionärer Zug ist spätestens seit dem 19. Jahrhundert charakteristisch für die Idee des universalen Kalifats. Überhaupt ist die Abwehr von Fremdbestimmung eine der wichtigsten Triebfedern des Islamismus. Seit der Epoche des Kolonialismus fühlen sich die Muslime von der als überlegen empfundenen westlichen Zivilisation dominiert. Die Globalisierung des 21. Jahrhunderts verstehen sie lediglich als moderne Variante des kolonialen Imperialismus, angeführt durch die USA und Israel.

Der Weg zu alter Größe wie in den ersten Jahrhunderten nach dem Siegeszug des Islam, so der Grundgedanke der konservativen Revolutionäre, kann nur in der Wiederherstellung der früheren Institutionen bestehen. Tatsächlich hatten in den ersten Jahrzehnten nach Mohammeds Tod einzelne Kalifen an der Spitze der kleinen Urgemeinde gestanden, aber die vermeintlich goldenen Zeiten mündeten schon sehr rasch in die Spaltung zwischen Schiiten und Sunniten, die bis heute anhält. Kaplan hofft, selbst diese jahrhundertealte Spaltung zu überwinden.

Die Tragik der Islamisten besteht darin, dass sie mit der Fixierung auf ein Phantasma, auf eine vorgeblich glorreiche universalstaatliche Vergangenheit, die Gegenwart aus dem Blick verlieren.

Kaplan droht die Ausweisung

Der Fall Kaplan ist noch längst nicht abgeschlossen. Kaplan wehrt sich mit allen rechtlichen Mitteln gegen die drohende Ausweisung aus Deutschland. Momentan sind zwei Verfahren am Kölner Verwaltungsgericht anhängig. Außerdem hat er Widerspruch eingelegt gegen die Aberkennung seines Status als Asylberechtigter. Und die Türkei fordert weiterhin die Überstellung Kaplans, um ihm den Prozess machen zu können. Die türkischen Justizbehörden werfen Kaplan vor, anlässlich des 75. Jahrestages der türkischen Staatsgründung am 29. Oktober 1998 seinen Anhängern den Befehl zu einem Attentat auf das Atatürk-Mausoleum gegeben zu haben.